Franz Müntefering, Twitter und die Gutgläubigkeit (oder mangelnde Recherche) mancher Journalisten
Franz Müntefering twittert. Ja? Nein? Vielleicht?
Nachdem der vermeintlich twitternde Müntefering es schon bis ins Fernsehen (Spiegel TV) gebracht hatte, stellte onlinejournalismus.de schon vor über einem Jahr klar, dass es sich dabei nicht um den echten Müntefering handelte und auch bei off the record wurde der Müntefering-Fake mehrmals thematisiert.
Aber auch lange nachdem eigentlich jedem Journalisten hätte bekannt sein können, dass der Account ein Fake ist, fielen immer noch viele Medienvertreter darauf rein. Fünf Minuten Recherche sollen manchmal hilfreich sein, hab ich mir sagen lassen. (Und ein Anruf in der SPD-Parteizentrale ist auch schnell getätigt.) Heute haben die Macher des Münteferingschen Twitter-Accounts es dann auch offiziell bestätigt: Wir waren Franz Müntefering. Und eine schöne Chronologie ihres “Online-Wahlkampfs” und der Verbreitung des Müntefering-Fakes in den Medien haben sie auch aufbereitet und kommentiert, hier ein kleiner Auszug:
Mehr als ein Jahr hat Franz Müntefering getwittert. 236 Tweets hat er abgesetzt und 5.337 Follower gesammelt. Es ging los als Kurt Beck vom SPD-Vorsitz zurücktrat und Müntefering das Ruder in der SPD übernahm. Mit dem jetzt angekündigten Rückzug von Franz Müntefering endet auch die Geschichte seines Twitter-Accounts, den wir Metronauten einfach mal gekapert hatten. Wir haben SPD-Ortsvereine an der Nase herumgeführt, Medienforschungsinstituten die Studien versaut, Robert Basic reingelegt und zahlreichen Medien falsche Zitate in den Block diktiert.
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Aber mal ehrlich: Ein eher den modernen Techniken ferner 69-Jähriger soll twittern vom iPhone aus? Obwohl er bei seinem Besuch im Betahaus in Berlin laut Süddeutscher Zeitung kaum nachvollziehen konnte, wie mit Webdesign Geld zu verdienen ist? Unwahrscheinlich. Aber Follower und Medien wollten es so gerne glauben. Am Ende haben wir es ja auch fast selbst geglaubt.
Nun denn. Der falsche Müntefering wird nicht weitertwittern – aber es gibt noch viele Möglichkeiten mit anderen medialen Blendgranaten für Verwirrung zu sorgen. Kommunikationsguerilla ist einfach eine schöne Sache: gelebter digitaler Dadaismus.
Die ganze Geschichte lässt sich hier noch einmal nachlesen.
